2. Brief

Aix-en-Provence, 18. September 1564
Mon cher Jean,

Ich bin nicht sicher, ob meiner letzter Brief Dich in Zürich erreicht hat. Ich habe keine Antwort erhalten. Aber die Zeiten sind so unsicher, dass ich nur inständig zu Gott beten kann, dass der Kurur dieses Briefes sein Ziel auch wirklich erreicht.

In unserer Gemeinde herrscht tiefe Trauer über den Tod Calvins. Einige sind schon ganz mutlos geworden und halten unsere Sache für verloren. Andere sind aus Furcht über den gänzlichen Verfall wieder zu den Katholischen übergelaufen. Aber ich kann es nicht glauben, dass Gott uns nach all den Jahren blutiger Kämpfe so schmählich im Stich lassen wird.

So zerrissen wie viele unserer Gemeinden, liegt auch Frankreich am Boden. Unsere große protestantische Erhebung, die sich in den Anfangsjahren so siegreich auszubreiten schien, stagniert. Zwar haben wir Befürworter und treue Kampfer des Glaubens auch auf königlicher Seite. Seit dem Tode Antoines von Navarra vor zwei Jahren, haben seine Gattin, Jeanne d’Albret und ihr Sohn Heinrich unsere Partei ergriffen und in Gaspard de Coligny haben wir einen tüchtigen Feldherrn, der die Sache Gottes wohl zu vertreten weiß – auf diplomatischem Parkett genauso wie auf dem Schlachtfeld. Doch die Regentin, Katharina von Medici, operiert geschickt mit wechselnden Fraktionen. Ein großer Teil der südlichen Provinzen ist fest für den protestantischen Glauben eingetreten und doch flammen die großen und kleinen Kriegsherde im Lande immer wieder aufs Neue auf. Was nützen da alle schönen Friedensverträge – und ich kann Dir versichern, einige Dutzende wurden schon geschlossen und immer wahnwitziger wurden die dem jeweiligen Gegner abgerungenen Bedingungen. Doch die leiseste Verschiebung der Kräfte machte alle Verträge sofort wieder zunichte. Auge um Auge, Zahn um Zahn – so heißt es auf beiden Seiten.

Seit der Glaube zudem noch zum Spielball auf der großen Bühne der Weltpolitik geworden ist, ist ein Ende des Blutvergießens vollends nicht mehr abzusehen. Das katholische Spanien dreht geschickt am diplomatischen Rädchen, um die Kämpfe am Laufen zu halten, denn je schwächer Frankreich, je mehr Macht und Einfluß sichert sich die spanische Krone. Doch auch die Engländer, die deutschen Länder und auch der römische Papst verfolgen begehrlich das Geschehen, um sich rechtzeitig ihren eigenen Vorteil zu sichern. Es ist zum Weinen.

Mon cher ami, wahrscheinlich denkst Du, ich sei nun schon ganz trübsinnig geworden, so hoffnungslos klingen wohl meine Worte. Ja, Du hast recht, seit meiner Verwundung – wie stolz war ich auf meinem Schimmel immer ganz an der Seite des großen Coligny zu kämpfen – liege ich hier nun auf dem Schloß meines Vaters, hilflos wie ein Baby und werde von meiner früheren Amme gepflegt – zwar aufopferungsvoll, aber eben doch nur Weiberkram. O, ich wünschte, ich könnte gleich wieder aufstehen und zu den Waffen greifen. Vor einigen Tagen hörte ich, dass in Chartres ein heimtückischer Überfall der Katholischen erfolgt sei. Der Bischof soll eigenhändig ein Kopfgeld für die Ergreifung Colignys ausgesetzt haben. Wer ihn lebend ergreife und den Gerichten ausliefere, soll 6000 Gulden erhalten. Derjenige, der ihn tot bringe, bekommt 2000 Gulden. O, wie abscheulich sind doch diese Machenschaften der Priester.

Mein rechter Arm war ziemlich zerfetzt. Der Dokter meint, er sei wohl nicht mehr zu gebrauchen. Auch mein guter alter Vater meint, ich solle jetzt auf das Zeichen Gottes hören. Das sei nun mal der Beweis, dass es aus sei mit der protestantischen Sache. Wir reden erst seit einigen Tagen wieder miteinander. Mon papa ist immer noch entsetzt und erbost darüber, dass ich seinerzeit zum protestantischen Glauben mich bekannt habe. Und der Streit lauert immer dicht unter unserer höflichen Oberfläche. Keines meiner Argumente läßt er gelten. Die wirklichen Mörder und Verbrecher, das sind nach seiner Meinung die Protestanten, diese Ketzer, diese Hugenotten – ein übles Schimpfwort, das jetzt in aller Munde ist. Das Morden und Brennen von Männern, Frauen und Kindern, das Abschlachten hunderter treuer unschuldiger Katholiken durch die ketzerischen Hugenotten, auf die statt des ewigen Seelenheils seiner Meinung nach sowieso nur die ewige Verdammnis wartet – für das alles macht er mich mit verantwortlich.

Auch wenn ich auf der Seite der gerechten Sache Gottes stehe, so treffen mich diese Vorwürfe und leider kann ich sie nicht abstreiten. So stand er gestern mit hochrotem Kopf und flammend vor Zorn an meinen Krankenlager: „Ihr Protestanten rühmt euch einst geduldig Verfolgung fürs Evangelium ertragen zu haben. Ihr wollt eure Feinde geliebt und Schlechtes mit Gutem vergolten haben. Woher kommt jetzt diese große Veränderung? Ihr tötet und mordet und stellt eure Feinde vor die Spitze eurer Degen: zwingen wollt ihr sie sogar, sich bei euren Predigten einzufinden. Zwingen wollt ihr Sie ihrem katholischen Glauben abzuschwören. Seit ihr etwa besser als wir Katholiken? Sieht so die gerechte Sache aus, für die ihr kämpft. Ich habe keinen Sohn mehr!“

Allein, die Berichte über die Foltermethoden der katholischen Inquisition, die in Chartres eine ganze protestantische Gemeinde vom Großvater bis zum Enkel hingemordet hat, läßt mit grimmiger Wut auch neue Kraft in mir wachsen. Zum Teufel mit dem kaputten Arm. Noch habe ich einen gesunden Linken. Gott wird mir die Kraft geben, für seine Sache weiter zu kämpfen.

Es umarmt dich in Freundschaft mit vielleicht letztem Gruß

Phillipe de Maizière