3. Brief

Paris, 29. August 1572
Liebste Mutter,

Ihr seid gewiss schon vor Angst vergangen, da ihr seit der grauenvollen Nacht vom 23. August noch keine Nachricht von mir erhieltet. Seid getröstet, die Kinder und ich sind wohlauf. Wir befinden uns in Sicherheit. Florent konnte aus der Stadt rechtzeitig fliehen. Ich habe noch keine Nachricht von ihm, ob auch er in Sicherheit ist. Und ich bete ganz fest zu Gott darum. In diesen schweren Zeiten darf man die Hoffnung nicht aufgeben.

Die Nachricht von dem furchtbaren Massaker hier in Paris wird Euch auch in Marseille entsetzt haben, dessen bin ich sicher. Es sind viele Gerüchte im Umlauf, die von umstürzlichen Tendenzen durch uns Protestanten, von Aufruhr gegen die Krone sprechen. Glaubt ihnen kein Wort. Ich war dabei, liebe Mutter, und nur durch eine glückliche Fügung Gottes blieben wir verschont. Durch die Straßen von Paris flossen Ströme von Blut und es erschaudert mich immer wieder aufs Neue, wie bestialisch unsere Glaubensbrüder hingeschlachtet wurden. Und doch muss die Welt die Wahrheit erfahren.

Wenige Tage vorher noch schien die Versöhnung der feindlichen Lager zum Greifen nahe. Paris strahlte zu Ehren der festlichen Hochzeit der katholischen Regentinnentochter, Margarete von Frankreich mit dem frommen Heinrich von Navarra, dessen Herz ganz für unsere protestantische Sache schlägt. Aus dem ganzen Land waren Protestanten von Rang und Namen angereist. Mit dieser Hochzeit sollte endlich der Frieden in Frankreich besiegelt werden. Doch der feige Mordanschlag auf unseren Führer Coligny brachte Aufruhr unter den Protestanten hervor. Nun zeigte sich das wahre Gesicht der Regentin. Der durch Ehebund zu schließende Friedensschluss erwies sich als weiteres Mittel der Katholischen zur Vernichtung der Protestanten.

Ganz Paris brodelte. Unruhe und Empörung auf der einen Seite, unverhohlene Freude auf der anderen. Ein Gewitter braute sich über uns zusammen und niemand wusste, wann es sich entladen würde. Florent wollte, dass ich mit den Kindern sofort die Stadt verlasse. Aber ich konnte es nicht glauben, dass Gott in Paris, unserem schönen, stolzen Paris, dem Zentrum von Macht und Wohlstand, uns Protestanten ein Leid geschehen lasse könne. Doch Florent war so unruhig und hartnäckig, dass ich schließlich einwilligte für ein paar Tage meine liebe Cousine Marie-Antoinette zu besuchen. Marie ist zwar ganz und mit vollem Herzen der katholischen Kirche und dem Papst zugetan, wie Du ja weißt. Auch ist sie sehr traurig über unsere Neigung zu den Calvinisten, weil sie doch sehr um unser Seelenheil fürchtet. Aber die geschwisterliche Liebe, das Band unser Kindertage, die zärtliche Zuneigung, die wir schon seit frühester Zeit füreinander hegen, lässt einen Glaubenszwist zwischen uns nicht aufkommen. Gern war Marie bereit, mich und die Kinder bei sich aufzunehmen, denn auch sie war von Furcht und Sorge über ein möglicherweise drohendes Unheil ganz unruhig. Es tröstete sie, uns ganz geeint zu wissen. Wir waren kaum angekommen, waren mit Wohnraum und Essen versorgt worden, da brach auch schon der Sturm über Paris los.

Die Kinder waren an diesem Abend sehr quengelig und übermüdet gewesen. Die kleine Jeanette weinte, denn sie verstand nicht mit ihren drei Jahren, warum Sie fort von zu Hause, fort von Papa und der Nanna musste. Wir hatten die Kinder ins Bett gebracht und saßen noch am Kaminfeuer zusammen, denn die Nacht war doch etwas kühl geworden. Da ertönten durch die Straßen lautes Rufen, viele Schritte hallten auf das Pflaster durch die Stille der Straßen. Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein. Arnauld, Maries gastfreundlicher Gatte, verbot uns nachsehen zu gehen, was es da draußen in der Nacht so ein entsetzliches Gepolter und Gerenne gäbe. Er war überhaupt sehr merkwürdig an diesem Abend, so bedrückt, so niedergeschlagen. Aber höflich wie immer, erwähnte er mit keinem Wort seine Befürchtungen. Dann erklangen Schreie, hohe, spitze Schreie, Waffengeklirr, zerbrechende Fensterscheiben, zersplitterndes Holz – und Schreie, wieder und wieder Schreie, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Marie und ich, wir beide saßen vor Angst und Entsetzen wie gelähmt auf der Chaiselongue und hielten uns ganz wie in Kindertagen mit beiden Armen fest umfangen. Arnauld stöhnte und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Niemand im Raum sprach ein Wort, nur draußen auf der Straße ein lärmender Schrecken, der Stunde um Stunde kein Ende zu nehmen schien.

Schließlich hielten wir diese entsetzliche Erstarrung nicht länger aus. Als sich der Lärm und das Geschrei etwas gelegt hatten, ergriff Marie meine Hand und zerrte mich in ihr Boudoir. Aus dem Schrank holte sie eine zweite schwarze Mantille, solche, in welchen sie die morgendliche Frühmesse zu besuchen pflegt. Tief verschleiert und ganz katholisch wagten wir uns endlich auf die Straße. Arnauld stand mit hängendem Kopf und gesenkten Schultern regungslos an gleicher Stelle wie vorher, aber er hinderte uns nicht am Verlassen des Hauses.

Draußen bot sich uns ein Bild des Grauens, liebe Mutter, für das ich hier keine Worte mehr habe. In der Nachbarschaft waren an den Häusern die massiven Haustüren aufgebrochen als seien sie aus Papier und nicht aus schwerem Holz. Überall zersplittertes Glas, leere Fensterhöhlen, in denen Menschenleiber hingen oder schweigend im Nachtwind schaukelten. Die Straße vor uns war über und über mit Toten bedeckt, viele waren nackt, einige hatten nur ein notdürftiges Nachtzeug an: Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge, Arme, Reiche.

Wir bahnten uns eine Gasse, um den Ort des Schreckens zu verlassen und endlich Nachrichten über das Geschehen zu erhalten. Da lief uns ein Söldner entgegen, bekleidet mit einem Umhang, auf dem ein großes weißes Kreuz prangte und rief mit hassverzerrtem Gesicht: „Fort, fort, nach Hause, ihr frommen katholischen Frauen. Wir haben heute Nacht den Teufel erledigt. Coligny ist tot und in den Tod ist ihm seine ganze höllische Protestantenbrut gefolgt. Lang lebe Paris, lang lebe die Regentin, lang lebe der Papst. Vive la France catholique!“

Ja, liebe Mutter, nun leben wir gesund doch voller Angst um Florent, ganz katholisch im Schutz von Marie-Antoinette und ich besuche jeden Morgen mit ihr zusammen die Frühmesse, um nicht bei den Nachbarn aufzufallen. Gestern morgen hat der Priester dort einen Brief des Papstes verlesen. Die Nachrichten, so hieß es, die er aus Frankreich über die Tötung und Vernichtung der Rebellen, der Feinde Gottes, seiner Kirche und der Krone Frankreichs erhalten habe, hätten ihn mit Freude erfüllt! Und in Paris hat die katholische Kirche eine feierliche Prozession veranstaltet, an der alle katholischen Würdenträger und die Krone teilnahmen, und an dessen Ende ein feierliches „Te Deum“ erklang: Nun danket alle Gott!?

Ach, liebe Mutter, laßt uns um all die Toten weinen. Was bleibt sonst noch zu sagen.

Es küsst und umarmt Euch Eure Euch innigst liebende Tochter

Margeau de Saint-Germain