4. Brief

Nantes, 23. April 1598
Mein innigst geliebtes Papachen,

O, ich wünschte so sehr, Ihr könntet hier sein. Doch leider halten Euch Eure Geschäfte in Toulouse sehr lange auf. Hier ist alles in Aufregung und doch liegt ein Jubel über allem. Nun wird es endlich Frieden werden, mein liebstes Papachen. Ich spüre es ganz genau. Gottes Segen liegt nun auf Protestanten wie Katholiken. Ach, Papachen, ich glaube fast, dass wir dieses üble Schimpfwort „Hugenotten“ aus vergangenen Zeiten doch einmal als stolze Auszeichnung tragen werden.
Ihr werdet in Toulouse ja auch schon die große Nachricht gehört haben, doch ich muss es Euch ganz genau erzählen, so unglaublich erscheint es mir immer noch.

Denkt Ihr noch daran, wie unsicher unser Leben war. Wie sehr Handel und Wandel unter den Kriegen, dem Morden und Brennen mehr als dreißig Jahre lang gelitten haben? Unser schönes großes Frankreich, zerschunden und zerschlagen, aufgeteilt und ausgeblutet in einen katholischen und einen protestantischen Teil. Und doch schien es, als wollte es kein Ende nehmen. Wisst Ihr noch, welchen großen Rückschlag auch Euer Seidenhandel erlitt, als nach dem Tode des Thronerben, Franz von Anjou im Jahre 1584 nun das Ermorden der Thronfolgern weiterging. Dem ungeheuren Machthunger der Herrscherhäuser und der Kirche schien Gott keine Grenze gesetzt zu haben. Kaum keimte ein Fünkchen Hoffnung auf, als König Heinrich III ein Bündnis mit uns Hugenotten zur Erneuerung der Religionsfreiheit schloss, da machte der Mord an ihm, hinter dem ganz sicher die Katholischen stehen, wieder alle Hoffnung zunichte.
Denkt Ihr noch daran, dass trotz alledem auch Ihr Eure ganze Hoffnung auf den Thronerben Heinrich von Navarra setztet. Er, der Schirmherr aller Protestanten, werde nun für Frieden sorgen und Frankreich wird wieder blühen. Erinnert Ihr Euch an Eure Worte?

Doch welch ein Schmerz, als ausgerechnet Heinrich von Navarra sein Herz und seine Krone den Katholischen, dem Papst, zukehrte und mit den Worten „Paris ist eine Messe wert!“ den protestantischen Glauben, unseren wahren Glauben, den Gelüsten Spaniens und dem Griff der papistischen Bourbonenpriester nach der Krone opferte. Da schien auch die letzte Hoffnung auf immer und ewig dahin gefahren. Mehr als zwei Millionen Menschen grundlos ermordet! Tausende und Abertausende von zerstörten Höfen und Häusern, Dörfern und Städten, Wegen und Brücken, verödete Ländereien und verlassene Manufakturen – das alles sollte nun ganz und gar nutzlos, umsonst gewesen sein? Und Du, liebes Papachen, sahst die Reste Deines einst so blühenden Seidenhandels zerrinnen im Nichts. Wer wollte denn noch Samt und Seide tragen, wenn selbst Adel und Bürger gänzlich verarmt waren.

Und nun, wie durch ein Wunder scheint die Welt über Nacht so verändert. Statt dunkler Wolken steht ein strahlender Frühlingsmorgen am Himmel unseres lieben Frankreichs. Schon seit einiger Zeit riss hier in Nantes die Zahl der anreisenden Vertreter aller Stände und aller Konfessionen nicht ab. Der König wollte Katholiken und Protestanten gleichermaßen an der Entwicklung des Reichs beteiligen. Doch die Religionsgespräche wollten die Herzen der Menschen so gar nicht öffnen. Unnachgiebig forderte jede Seite ihren Vorrang. Und auch der König hatte sehr mit dem Misstrauen der Katholiken zu kämpfen. So schnell wird man offenbar doch nicht wahrhaft katholisch, wie es scheint. Niemand glaubte hier in Nantes noch an eine Lösung. Doch vor einigen Tagen kam wirklich der langersehnte Vertrag zustande, auf den alle gehofft, aber an den niemand mehr recht geglaubt hatte. Am 13. August 1598 – ach, Papachen, notiert Euch dieses Datum in Eure Bücher und lasst uns diesen Tag als ewigen Freudentag heiligen – am 13. August 1598 rief der König das ewige und unwiderrufliche Edikt von Nantes aus, welches endlich die Religionsfreiheit für uns Protestanten mit königlichem Siegel beurkundet. Zwar mussten Zugeständnisse an die Katholischen gemacht werden – sie bleibt die Hauptkonfession, doch lauten die Worte des Edikts, welches hier in Nantes an allen Anschlagsäulen prangt: „… haben wir, Heinrich IV, König von Frankreich, denen von der angeblich reformierten Religion gestattet und gestatten ihnen, in allen Städten und Orten Unseres Königreiches und in den Ländern Unseres Machtbereiches zu leben und zu bleiben, ohne darüber befragt, bedrängt und belästigt, noch genötigt zu werden, in Sachen Religion etwas gegen ihr Gewissen zu tun oder in ihren Häusern und an den Orten, in denen sie wohnen möchten, deswegen zur Rechenschaft gezogen zu werden ….“

Liebstes Papachen, ich sehne mich schon nach Eurer Rückkehr. Wie wunderbar wird es sein, wenn wir endlich erhobenen Hauptes und in aller Öffentlichkeit ohne Angst unseren Gottesdienst besuchen dürfen. Und nicht nur in unseren Kirchen, auch in den Adelshäusern dürfen Gottesdienste abgehalten werden. Denkt Euch, endlich dürfen wir unsere liebe französische Bibel drucken und verbreiten, dürfen theologische Seminare abhalten und unsere Pfarrer ausbilden. Und Du, lieber Papa, wirst endlich für unseren Stadtrat kandidieren können. Niemand wird unseren Kindern mehr den Schul- oder Universitätsbesuch verweigern. O, wie bin ich stolz, denn wir haben nun in Frankreich etwas, was in ganz Europa keinen Vergleich hat: die Toleranz zweier, unterschiedlicher, ja, verfeindeter Konfessionen in einem Königreich, ewig und unwiderruflich vom König verbürgt.

Beendet nur schnell eure Geschäfte und kommt nach Hause, liebster Papa. Es küsst und umarmt Euch

Eure treue Tochter Aurélie