5. Brief

Paris, 3. November 1685
Meine liebe Tante Cècile,

von Papa und Maman hörte ich, dass Ihr und die Euren Euch in Preußen gut eingelebt habt und, dass Euch in Eurer neuen Heimat sogar ein bescheidener Wohlstand vergönnt sei. Maman läßt euch herzlich grüßen. Die ganze Aufregung und die Ungewissheit unserer eigenen Zukunft, haben Maman ganz krank gemacht. Der Doktor sagt, es sei das Herz und hat ihr viel Ruhe und Schonung verschrieben. Aber Papa drängt uns fortzugehen. Doch wohin?

Liebste Tante Cècile, ich wende mich heute ganz verzweifelt an Euch mit der Bitte, uns zu helfen. Kurfürst Friedrich-Wilhelm soll, so hört man, uns französischen Protestanten sehr wohlgesonnen sein. Große Gebiete Land sollen zur Verfügung stehen und für den Handel sollen alle Einschränkungen gänzlich entfallen. Das Wichtigste aber ist, die Preußen seien in Religionssachen sehr tolerant, so dass sogar Gottesdienste in französischer Sprache und französische Schulen erlaubt seien.

Liebe Tante, es ist doch weise und vorausschauend von Euch gewesen, rechtzeitig Frankreich zu verlassen. Obwohl Maman es damals gar nicht verstehen konnte, wie Ihr, Franzosen von den sonnigen, nach Wein, Orangen und Lavendel duftenden Hängen der Provence in so ein kaltes und barbarisches Land mit dieser unaussprechlichen Sprache reisen konntet. Doch nun müssen auch wir Euch bitten, bei den Deutschen um Einreiseerlaubnis für uns nachzusuchen. Wer hätte das jemals geglaubt?

Papa meint, dass ohne die Ermordung unseres guten König Heinrich IV, die Katholischen niemals wieder so die Oberhand bekommen hätten. Aber das ist ja nun auch schon so lange her. Ewig und unwiderruflich, wie König Heinrich damals den Frieden von Nantes genannt hatte, ist heute schon lange gar nichts mehr. Ich dagegen bin der Meinung, dass man schon vor langer Zeit hätte erkennen müssen, dass mit dem Fall von La Rochelle der Zeitpunkt für die Protestanten zum Verlassen des Landes gegeben war. Hatte es denn damals nicht jedermann lesen können? Schon 1625 hatte Kardinal Richelieu laut verkündet: „Solange Hugenotten in Frankreich ein Staat im Staate sein werden, kann der König im Innern seines Reiches nicht Herr sein und er kann auch außen keine großen Taten vollbringen.“ Hieß das denn nichts anderes, dass die Jahre der Toleranz nun endgültig vorbei waren, als königliche Truppen das protestantische La Rochelle, die blühende Hafenstadt, Frankreichs Tor zur Welt, angriffen und die Bevölkerung gnadenlos aushungerten, so dass die Stadt schließlich mit allem toten und lebenden Inventar den Katholischen geopfert werden musste. Nunmehr hatten die Protestanten keinerlei Macht mehr, Leib und Leben, Hab und Gut der Gläubigen zu schützen.

Und nun scheint es fast zu spät zu sein. König Ludwig XIV hat den Friedensvertrag von Nantes widerrufen. Kann es noch schlimmer kommen? Katholische Kommissare kontrollieren unsere Gottesdienste. Aller Zwang und Druck zielt darauf, dass wir uns wieder zum katholischen Glauben bekennen. Großmaman erzählte, dass in den Dörfern Soldaten bei protestantischen Bauern und Handwerkern einquartiert werden, die sie versorgen müssen und zwar so lange, bis sie selbst nichts mehr haben und vom Hungertod bedroht sind. Die Offiziere sollen für jeden Bekehrten eine Belohnung erhalten. In Limois soll eine ganze Garnison ein Dorf abgeriegelt haben. Man stellte Wachen auf Wegen und Plätzen auf, drang in die Häuser der Protestanten ein und schrie: „Sterbet, sterbet oder werdet katholisch!“ Heimlich habe ich belauscht, wie Papa Maman so furchtbare Dinge erzählte, die er vor uns geheim gehalten hat. Ein Vergnügen der Soldaten sei es, in die Häuser von Protestanten einzudringen und die Bewohner unter vielen tausend Verwünschungen und Gotteslästerungen, Männer und Frauen, bei den Haaren oder bei den Beinen oben an die Decken der Zimmer oder in die Kamine zu hängen und sie dann mit nassen Haaren so lange zu räuchern, bis sie es nicht mehr aushalten und laut nach Bekehrung schreien. Unser Bäcker Gaspary hat erzählt, dass es in Paris Wettbüros gibt, wo man Wetten auf die Zahl der Bekehrten abschließen kann. Ist das nicht alles abscheulich?

Liebe Tante, man kann es nicht glauben, was Menschen andern Menschen antun können, und das im Namen Gottes! Und nun, nachdem der König das Edikt von Fontainebleau unterschrieben hat, sollen wir nicht nur an Leib und Leben bedroht sein, sondern uns ist jegliche Flucht, jegliche Auswanderung verboten. Der König hat angeordnet, dass alle unsere Gotteshäuser zerstört werden müssen, nirgendwo darf mehr eine Versammlung stattfinden. Alle unsere Prediger müssen dem Glauben öffentlich innerhalb von zwei Wochen abschwören oder sie werden auf die Galeeren geschickt. Überall werden jetzt Wachen aufgestellt, um unsere Flucht zu verhindern. Morddrohungen sind die Tagesordnung.

Papa hat heimlich ohne Mamans Wissen all unsere Besitztümer zu Geld gemacht, dass er gut versteckt hat, wie er sagt. Auch hat er schon Kontakt mit vertrauenswürdigen Leuten geschlossen, die uns bei unserer Flucht aus Frankreich helfen wollen. Es gibt jetzt eine ganze Reihe von Schein-Bekehrten, die ihre Möglichkeiten nutzen, um Fluchtwege für diejenigen zu organisieren, für die eine Scheinbekehrung nicht in Frage kommt, die lieber ihre Heimat, ihr Vaterland verlassen, als ihrem Gott abzuschwören. Und alles muss heimlich, ganz im Stillen geschehen.
Es ist schlimm, dass Maman so krank ist. Papa ist schon ganz verzweifelt. Doch wenn wir durch Eure Fürbitte, liebe Tante, eine Einreisegenehmigung erhalten, dann wird sich auch eine Lösung finden, wie unsere Flucht organisiert werden kann.

Schreibe mir schnell, liebste Tante Cècile,. Aber bitte, schicke Deine Antwort an Sophie de Marceau, 10, Rue Daguerre, Paris. Sie ist eine liebe Freundin aus frommen katholischen Haus, doch sehr verlässlich. Sie weiß Bescheid und wird uns helfen.

Ich setze meine ganze Hoffnung auf Dich, liebe Tante und umarme Dich in Dankbarkeit

Deine Nichte Marie-Charlotte