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2026/​05 — Die Anfänge der Pul­verindus­trie im Raum Dörscheln und Rön­sahl

Ein Beitrag zur Wirtschafts‑, Tech­nik- und Indus­triegeschichte des märkischen Sauer­lan­des

Ein­leitung

Die Geschichte des märkischen Sauer­lan­des ist eng mit der Entwick­lung sein­er frühen Gewerbe- und Indus­triebe­triebe ver­bun­den. Während Eisen­ver­ar­beitung, Drahtzieherei und Ham­mer­w­erke seit langem Gegen­stand der region­algeschichtlichen Forschung sind, ist die Geschichte der Pul­ver­her­stel­lung heute weit­ge­hend in Vergessen­heit ger­at­en. Dabei entwick­elte sich bere­its zu Beginn des 17. Jahrhun­derts im Raum Dörscheln und Rön­sahl eines der bedeu­tend­sten Zen­tren der Schwarzpul­ver­her­stel­lung im märkischen Sauer­land.

Die natür­lichen Voraus­set­zun­gen waren hier­für beson­ders gün­stig. Wasser­re­iche Bäche liefer­ten die Antrieb­skraft für die Pul­ver­mühlen, die aus­gedehn­ten Wälder das Holz zur Her­stel­lung hochw­er­tiger Holzkohle. Salpeter und Schwe­fel wur­den über den regionalen Han­del bezo­gen. Berg­bau, Eisen­gewerbe, Stein­brüche und die Jagd sorgten zugle­ich für einen stetig wach­senden Bedarf an Schieß- und Spreng­pul­ver.

Über mehr als zwei­hun­dert Jahre entwick­elte sich daraus ein bedeu­ten­der Wirtschaft­szweig, dessen Erzeug­nisse weit über die Gren­zen der Graf­schaft Mark hin­aus geschätzt wur­den.

Von beson­der­er Bedeu­tung ist dabei der kleine Ort Dörscheln. Von hier stammte Johannes Cramer, der den Grund­stein für eine der bedeu­tend­sten Pul­ver­fab­rikan­ten­fam­i­lien des märkischen Sauer­lan­des legte. Eben­so zeigen die geneal­o­gis­chen Über­liefer­un­gen, dass die Fam­i­lien Dörseln und Cramer bere­its seit dem 17. Jahrhun­dert durch mehrere Eheschließun­gen eng miteinan­der ver­bun­den waren. Diese famil­iären Beziehun­gen dürften die wirtschaftliche Entwick­lung und den Über­gang des Pul­ver­ma­cher­handw­erks inner­halb der Region zusät­zlich gefördert haben.

Die ältesten Nachricht­en über die Pul­ver­her­stel­lung

Das älteste bis­lang bekan­nte schriftliche Zeug­nis über die Pul­ver­her­stel­lung im Kirch­spiel Rön­sahl stammt aus dem Kirchen­rech­nungs­buch des Jahres 1620. Dort heißt es:

„Ao. 1620 Pfin­gst­di­en­st­tags hat Geörg zu Harhausen geliebert ad VI Thlr. Pul­ver.“
Am Pfin­gst­di­en­stag (6. Juni) des Jahres 1620 hat Georg aus Harhausen Pul­ver geliefert, im Wert von 6 Talern.

In späteren Rech­nun­gen erscheint dieselbe Per­son als „Geör­gen zu Harhausen der Pul­ver­ma­ch­er“ und schließlich im Jahr 1643 als „Georg Pul­ver­ma­ch­er“.

Diese Ein­tra­gun­gen bele­gen ein­deutig, dass bere­its während des Dreißigjähri­gen Krieges im Kirch­spiel Rön­sahl gewerblich Schwarzpul­ver hergestellt wurde. Sie gehören zu den ältesten bekan­nten Nach­weisen der Pul­ver­her­stel­lung im märkischen Sauer­land.

Nach den Forschun­gen von Hans Kurt Wirth dürfte es sich hier­bei um Meis­ter Jör­gen Wolter gehan­delt haben, dessen Pul­ver­müh­le in der Bal­len­brügge im Linge­se­tal lag.

Dörscheln und die Fam­i­lie Cramer

Mit Johannes Cramer tritt Dörscheln erst­mals unmit­tel­bar in die Geschichte der märkischen Pul­verindus­trie ein.

Nach geneal­o­gis­chen Unter­la­gen wurde Johannes Cramer um 1636 in Dörscheln geboren. Er heiratete am 26. August 1668 in Mül­len­bach und starb ver­mut­lich um 1705 in der Bal­len­brügge an der Lingese. Als Eltern wer­den Johannes Dörslen Cramer und Gertrud Dörseln genan­nt. Diese Angaben bele­gen die enge Verbindung der Fam­i­lie mit dem Hof und dem Ort Dörscheln.

Die engen Beziehun­gen zwis­chen den Fam­i­lien Dörseln und Cramer lassen sich auch in den fol­gen­den Gen­er­a­tio­nen nach­weisen. So heiratete Johann Mel­chior Dörseln, 1683 Land­wirt und Erb­sasse zu Dörscheln, Anna Freya Cramer. Nach ihrem Tod ging er eine weit­ere Ehe mit Elis­a­beth Cramer ein. Ein weit­er­er Johann Mel­chior Dörseln, 1729 eben­falls Land­wirt und Erb­sasse zu Dörscheln, heiratete Anna Sibil­la Cramer.

Diese mehrfachen Ein­heiratun­gen verdeut­lichen die engen ver­wandtschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehun­gen bei­der Fam­i­lien. Sie zeigen zugle­ich, dass sich die Fam­i­lien Dörseln und Cramer über Gen­er­a­tio­nen hin­weg gegen­seit­ig ver­bun­den blieben. Vor dem Hin­ter­grund der bedeu­ten­den Rolle der Fam­i­lie Cramer in der Pul­ver­her­stel­lung ist anzunehmen, dass diese ver­wandtschaftlichen Verbindun­gen auch den Aus­tausch von Wis­sen, Besitz und handw­erk­lich­er Erfahrung begün­stigten.

Wahrschein­lich erlernte Johannes Cramer das Pul­ver­ma­cher­handw­erk bei Meis­ter Jör­gen Wolter in Harhausen. Sein Sohn Diet­rich Wil­helm Cramer führte das Unternehmen erfol­gre­ich weit­er. Um 1720 errichtete er eine Pul­ver­müh­le in der Becke und pachtete bere­its 1723 vom Kloster Marien­hei­de ein Grund­stück an der Wip­per unter­halb von Gog­a­rten zum Bau ein­er weit­eren Pul­ver­müh­le.

Bemerkenswert ist die über­lieferte Pachtvere­in­barung. Neben dem Geldzins musste jährlich auch Schwarzpul­ver an das Kloster geliefert wer­den. Dies unter­stre­icht den hohen wirtschaftlichen Wert dieses Erzeug­niss­es im frühen 18. Jahrhun­dert.

Die Tech­nik der Pul­ver­mühlen

Schwarzpul­ver bestand aus rund 75 Prozent Salpeter, 15 Prozent Holzkohle und 10 Prozent Schwe­fel. Die Bestandteile wur­den zunächst getren­nt gemahlen und anschließend in Kol­lergän­gen oder Stampfw­erken unter ständi­gem Wassere­in­satz sorgfältig ver­mis­cht. Danach wurde die Masse gepresst, gekörnt, gesiebt und getrock­net.

Da bere­its kle­in­ste Funken ver­heerende Explo­sio­nen aus­lösen kon­nten, lagen Pul­ver­mühlen stets außer­halb geschlossen­er Ortschaften. Erd­wälle, getren­nte Gebäude und große Sicher­heitsab­stände soll­ten die Fol­gen möglich­er Unglücke begren­zen. Den­noch blieb die Arbeit außeror­dentlich gefährlich.

Ein bedeu­ten­der Wirtschaft­szweig

Während des Dreißigjähri­gen Krieges stieg der Bedarf an Schießpul­ver erhe­blich an. Auch danach blieb Schwarzpul­ver für Berg­bau, Erz­ab­bau, Stein­brüche, mil­itärische Zwecke, Jagd und später den Straßen­bau unverzicht­bar.

Bere­its 1736 wurde berichtet:

„Rön­sahl ist wegen des guten Pul­vers, so all­hi­er häu­fig gema­chet wird, sehr berühmt.“

Ein erhe­blich­er Teil der Pro­duk­tion wurde über Köl­ner Han­delshäuser in viele Regio­nen Deutsch­lands geliefert. Um 1800 befand sich ein bemerkenswert­er Anteil der west­deutschen Pul­ver­mühlen im märkischen Sauer­land – ein ein­drucksvoller Beleg für die wirtschaftliche Bedeu­tung dieser Land­schaft.

Die Gefahren der Pul­ver­her­stel­lung

Kaum ein Gewerbe war gefährlich­er als die Pul­ver­her­stel­lung. Explo­sio­nen gehörten trotz größter Vor­sicht zum Beruf­sall­t­ag.

Aus ein­er Über­sicht des Jahres 1824 geht her­vor, dass die Pul­ver­müh­le in der Becke im Win­ter 1823/​24 voll­ständig zer­stört wurde. Bere­its 1822 und 1823 waren zwei Werke der Witwe Johann Her­mann Cramer in Crum­menohl explodiert. Solche Unglücke forderten immer wieder Men­schen­leben und gehörten zu den tragis­chen Begleit­er­schei­n­un­gen der frühen Indus­tri­al­isierung.

Vom Schwarzpul­ver zum Dyna­mit

Mit der Entwick­lung neuer Sprengstoffe in der Mitte des 19. Jahrhun­derts begann der Nieder­gang viel­er klein­er Pul­ver­mühlen. Vor allem die Ein­führung des Dyna­mits leit­ete einen grundle­gen­den tech­nis­chen Wan­del ein. Zahlre­iche Betriebe kon­nten mit den neuen indus­triellen Ver­fahren nicht mehr konkur­ri­eren und stell­ten ihre Pro­duk­tion ein.

Schluss­be­tra­ch­tung

Die Geschichte der Pul­verindus­trie im Raum Dörscheln und Rön­sahl gehört zu den bedeu­ten­den Kapiteln der west­fälis­chen Indus­triegeschichte. Bere­its im frühen 17. Jahrhun­dert ent­stand hier ein Gewerbe, das sich über mehr als zwei­hun­dert Jahre zu einem wichti­gen Wirtschaft­szweig entwick­elte.

Dörscheln nimmt dabei eine beson­dere Stel­lung ein. Mit Johannes Cramer stammt der Begrün­der ein­er der bedeu­tend­sten Pul­ver­fab­rikan­ten­fam­i­lien der Region aus diesem kleinen Ort. Eben­so bele­gen die wieder­holten Ein­heiratun­gen der Fam­i­lien Dörseln und Cramer, dass sich wirtschaftliche Entwick­lung und famil­iäre Bindun­gen eng miteinan­der ver­ban­den. Die geneal­o­gis­chen Über­liefer­un­gen ergänzen damit die archivalis­chen Quellen und geben der Geschichte der Pul­verindus­trie eine per­sön­liche und fam­i­liengeschichtliche Dimen­sion.

Heute erin­nern nur noch wenige Spuren an die ein­sti­gen Pul­ver­mühlen. Umso wichtiger ist es, Kirchen­rech­nun­gen, Pachtverträge, geneal­o­gis­che Unter­la­gen und weit­ere archivalis­che Quellen zu bewahren und wis­senschaftlich auszuw­erten. Die Geschichte der Pul­ver­her­stel­lung verbindet Dörscheln, Harhausen, Bal­len­brügge, Rön­sahl, Becke und das Linge­se­tal zu einem gemein­samen kul­tur- und indus­triegeschichtlichen Erbe, das weit über die Gren­zen des märkischen Sauer­lan­des hin­aus Bedeu­tung besitzt.

  • Univ. Ob. Prä­para­tor i. R.

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