Ein Beitrag zur Wirtschafts‑, Technik- und Industriegeschichte des märkischen Sauerlandes
Einleitung
Die Geschichte des märkischen Sauerlandes ist eng mit der Entwicklung seiner frühen Gewerbe- und Industriebetriebe verbunden. Während Eisenverarbeitung, Drahtzieherei und Hammerwerke seit langem Gegenstand der regionalgeschichtlichen Forschung sind, ist die Geschichte der Pulverherstellung heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei entwickelte sich bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Raum Dörscheln und Rönsahl eines der bedeutendsten Zentren der Schwarzpulverherstellung im märkischen Sauerland.
Die natürlichen Voraussetzungen waren hierfür besonders günstig. Wasserreiche Bäche lieferten die Antriebskraft für die Pulvermühlen, die ausgedehnten Wälder das Holz zur Herstellung hochwertiger Holzkohle. Salpeter und Schwefel wurden über den regionalen Handel bezogen. Bergbau, Eisengewerbe, Steinbrüche und die Jagd sorgten zugleich für einen stetig wachsenden Bedarf an Schieß- und Sprengpulver.
Über mehr als zweihundert Jahre entwickelte sich daraus ein bedeutender Wirtschaftszweig, dessen Erzeugnisse weit über die Grenzen der Grafschaft Mark hinaus geschätzt wurden.
Von besonderer Bedeutung ist dabei der kleine Ort Dörscheln. Von hier stammte Johannes Cramer, der den Grundstein für eine der bedeutendsten Pulverfabrikantenfamilien des märkischen Sauerlandes legte. Ebenso zeigen die genealogischen Überlieferungen, dass die Familien Dörseln und Cramer bereits seit dem 17. Jahrhundert durch mehrere Eheschließungen eng miteinander verbunden waren. Diese familiären Beziehungen dürften die wirtschaftliche Entwicklung und den Übergang des Pulvermacherhandwerks innerhalb der Region zusätzlich gefördert haben.
Die ältesten Nachrichten über die Pulverherstellung
Das älteste bislang bekannte schriftliche Zeugnis über die Pulverherstellung im Kirchspiel Rönsahl stammt aus dem Kirchenrechnungsbuch des Jahres 1620. Dort heißt es:
„Ao. 1620 Pfingstdiensttags hat Geörg zu Harhausen geliebert ad VI Thlr. Pulver.“
Am Pfingstdienstag (6. Juni) des Jahres 1620 hat Georg aus Harhausen Pulver geliefert, im Wert von 6 Talern.
In späteren Rechnungen erscheint dieselbe Person als „Geörgen zu Harhausen der Pulvermacher“ und schließlich im Jahr 1643 als „Georg Pulvermacher“.
Diese Eintragungen belegen eindeutig, dass bereits während des Dreißigjährigen Krieges im Kirchspiel Rönsahl gewerblich Schwarzpulver hergestellt wurde. Sie gehören zu den ältesten bekannten Nachweisen der Pulverherstellung im märkischen Sauerland.
Nach den Forschungen von Hans Kurt Wirth dürfte es sich hierbei um Meister Jörgen Wolter gehandelt haben, dessen Pulvermühle in der Ballenbrügge im Lingesetal lag.
Dörscheln und die Familie Cramer
Mit Johannes Cramer tritt Dörscheln erstmals unmittelbar in die Geschichte der märkischen Pulverindustrie ein.
Nach genealogischen Unterlagen wurde Johannes Cramer um 1636 in Dörscheln geboren. Er heiratete am 26. August 1668 in Müllenbach und starb vermutlich um 1705 in der Ballenbrügge an der Lingese. Als Eltern werden Johannes Dörslen Cramer und Gertrud Dörseln genannt. Diese Angaben belegen die enge Verbindung der Familie mit dem Hof und dem Ort Dörscheln.
Die engen Beziehungen zwischen den Familien Dörseln und Cramer lassen sich auch in den folgenden Generationen nachweisen. So heiratete Johann Melchior Dörseln, 1683 Landwirt und Erbsasse zu Dörscheln, Anna Freya Cramer. Nach ihrem Tod ging er eine weitere Ehe mit Elisabeth Cramer ein. Ein weiterer Johann Melchior Dörseln, 1729 ebenfalls Landwirt und Erbsasse zu Dörscheln, heiratete Anna Sibilla Cramer.
Diese mehrfachen Einheiratungen verdeutlichen die engen verwandtschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen beider Familien. Sie zeigen zugleich, dass sich die Familien Dörseln und Cramer über Generationen hinweg gegenseitig verbunden blieben. Vor dem Hintergrund der bedeutenden Rolle der Familie Cramer in der Pulverherstellung ist anzunehmen, dass diese verwandtschaftlichen Verbindungen auch den Austausch von Wissen, Besitz und handwerklicher Erfahrung begünstigten.
Wahrscheinlich erlernte Johannes Cramer das Pulvermacherhandwerk bei Meister Jörgen Wolter in Harhausen. Sein Sohn Dietrich Wilhelm Cramer führte das Unternehmen erfolgreich weiter. Um 1720 errichtete er eine Pulvermühle in der Becke und pachtete bereits 1723 vom Kloster Marienheide ein Grundstück an der Wipper unterhalb von Gogarten zum Bau einer weiteren Pulvermühle.
Bemerkenswert ist die überlieferte Pachtvereinbarung. Neben dem Geldzins musste jährlich auch Schwarzpulver an das Kloster geliefert werden. Dies unterstreicht den hohen wirtschaftlichen Wert dieses Erzeugnisses im frühen 18. Jahrhundert.
Die Technik der Pulvermühlen
Schwarzpulver bestand aus rund 75 Prozent Salpeter, 15 Prozent Holzkohle und 10 Prozent Schwefel. Die Bestandteile wurden zunächst getrennt gemahlen und anschließend in Kollergängen oder Stampfwerken unter ständigem Wassereinsatz sorgfältig vermischt. Danach wurde die Masse gepresst, gekörnt, gesiebt und getrocknet.
Da bereits kleinste Funken verheerende Explosionen auslösen konnten, lagen Pulvermühlen stets außerhalb geschlossener Ortschaften. Erdwälle, getrennte Gebäude und große Sicherheitsabstände sollten die Folgen möglicher Unglücke begrenzen. Dennoch blieb die Arbeit außerordentlich gefährlich.
Ein bedeutender Wirtschaftszweig
Während des Dreißigjährigen Krieges stieg der Bedarf an Schießpulver erheblich an. Auch danach blieb Schwarzpulver für Bergbau, Erzabbau, Steinbrüche, militärische Zwecke, Jagd und später den Straßenbau unverzichtbar.
Bereits 1736 wurde berichtet:
„Rönsahl ist wegen des guten Pulvers, so allhier häufig gemachet wird, sehr berühmt.“
Ein erheblicher Teil der Produktion wurde über Kölner Handelshäuser in viele Regionen Deutschlands geliefert. Um 1800 befand sich ein bemerkenswerter Anteil der westdeutschen Pulvermühlen im märkischen Sauerland – ein eindrucksvoller Beleg für die wirtschaftliche Bedeutung dieser Landschaft.
Die Gefahren der Pulverherstellung
Kaum ein Gewerbe war gefährlicher als die Pulverherstellung. Explosionen gehörten trotz größter Vorsicht zum Berufsalltag.
Aus einer Übersicht des Jahres 1824 geht hervor, dass die Pulvermühle in der Becke im Winter 1823/24 vollständig zerstört wurde. Bereits 1822 und 1823 waren zwei Werke der Witwe Johann Hermann Cramer in Crummenohl explodiert. Solche Unglücke forderten immer wieder Menschenleben und gehörten zu den tragischen Begleiterscheinungen der frühen Industrialisierung.
Vom Schwarzpulver zum Dynamit
Mit der Entwicklung neuer Sprengstoffe in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Niedergang vieler kleiner Pulvermühlen. Vor allem die Einführung des Dynamits leitete einen grundlegenden technischen Wandel ein. Zahlreiche Betriebe konnten mit den neuen industriellen Verfahren nicht mehr konkurrieren und stellten ihre Produktion ein.
Schlussbetrachtung
Die Geschichte der Pulverindustrie im Raum Dörscheln und Rönsahl gehört zu den bedeutenden Kapiteln der westfälischen Industriegeschichte. Bereits im frühen 17. Jahrhundert entstand hier ein Gewerbe, das sich über mehr als zweihundert Jahre zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelte.
Dörscheln nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Mit Johannes Cramer stammt der Begründer einer der bedeutendsten Pulverfabrikantenfamilien der Region aus diesem kleinen Ort. Ebenso belegen die wiederholten Einheiratungen der Familien Dörseln und Cramer, dass sich wirtschaftliche Entwicklung und familiäre Bindungen eng miteinander verbanden. Die genealogischen Überlieferungen ergänzen damit die archivalischen Quellen und geben der Geschichte der Pulverindustrie eine persönliche und familiengeschichtliche Dimension.
Heute erinnern nur noch wenige Spuren an die einstigen Pulvermühlen. Umso wichtiger ist es, Kirchenrechnungen, Pachtverträge, genealogische Unterlagen und weitere archivalische Quellen zu bewahren und wissenschaftlich auszuwerten. Die Geschichte der Pulverherstellung verbindet Dörscheln, Harhausen, Ballenbrügge, Rönsahl, Becke und das Lingesetal zu einem gemeinsamen kultur- und industriegeschichtlichen Erbe, das weit über die Grenzen des märkischen Sauerlandes hinaus Bedeutung besitzt.