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2026/​10 — Stel­lung­nahme zur Urkunde von 1616 — Meis­ter Rottger von Dorse­len im Mol­len­dorp (Müh­len­dorf bei Alte­na)

Geschichtlich­er Überblick

Die Stadt Alte­na ent­stand unter­halb der gle­ich­nami­gen, im 12. Jahrhun­dert gebaut­en Burg, die von ein­er Seit­en­lin­ie der Grafen von Berg errichtet wurde, die sich dann Grafen von Alte­na und später Grafen von der Mark nan­nten. Die Namen­sh­erkun­ft der Burg ist bis heute nicht gek­lärt. Eine The­o­rie besagt, dass die Benen­nung auf einen vorg­er­man­is­chen Flussna­men zurück­ge­ht, wonach der Name vom Fluss und der Land­schaft „Alte­na“ in Bra­bant stamme. Allerd­ings kön­nte der Begriff Alte­na auch aus dem mit­tel­niederdeutschen Aus­druck „all te na“ gebildet wor­den sein, weil die Grafen von Arns­berg die Lage der Burg als „all zu nah“ ansa­hen.

Graf Engel­bert III. von der Mark ver­lieh Alte­na am 20. Dezem­ber 1367 die Frei­heit­srechte. Die Burg Alte­na war nur noch bis 1392 Stamm­sitz der Grafen. Sie lebten schon seit 1198 zum größten Teil in einem Hof bei Hamm. Alte­na war ein Mit­glied der Hanse als eine Beis­tadt, wie zahlre­iche andere west­fälis­che Orte. Man hat­te kein Mit­spracherecht, kon­nte aber von den Han­del­spriv­i­legien prof­i­tieren. 1609 fiel das Gebi­et an den Kur­fürsten von Bran­den­burg. Ab dem 3. Okto­ber 1753 bestand der Kreis Alte­na als ein­er von vier Land­kreisen in der Graf­schaft Mark. 1794 bekam Alte­na den Titel Stadt, ohne jemals die Stadtrechte ver­liehen bekom­men zu haben.

Die Urkunde aus dem Jahr 1616 gehört zu den bedeu­tend­sten Quellen für die Erforschung der frühen Geschichte der Fam­i­lie Dorse­len, aus deren Namen sich im Laufe der fol­gen­den Jahrhun­derte die Schreib­weisen Dörseln und schließlich Dörscheln entwick­el­ten. Sie doku­men­tiert nicht nur die Anwe­sen­heit der Fam­i­lie im Raum Alte­na, son­dern ver­mit­telt zugle­ich einen sel­te­nen Ein­blick in ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stel­lung während der frühen Neuzeit.

Die Wurzeln des Fam­i­li­en­na­mens reichen jedoch wesentlich weit­er zurück. Bere­its zwis­chen 1360 und 1382 erscheint Florin de Dorslon (Dorse­len) als Ple­ban, später als Propst und Lehn­sh­err zu Mars­berg in den schriftlichen Quellen. Ein weit­er­er bedeu­ten­der Nach­weis find­et sich 1453 mit Lam­ber­tus van Dors­se­len in Gey­seke. Diese Urkun­den bele­gen, dass der Fam­i­li­en­name bere­its mehr als zweiein­halb Jahrhun­derte vor der Alte­naer Urkunde in West­falen nach­weis­bar war und über Gen­er­a­tio­nen Bestand hat­te.

Vor diesem his­torischen Hin­ter­grund besitzt die Urkunde von 1616 eine beson­dere Aus­sagekraft. Darin wird berichtet, dass Her­man Schmidt und die Vor­mün­der sein­er unmündi­gen Kinder ihr Haus mit Hof und Schmiede im Mol­len­dorp zwis­chen Tho­nis Frone und Gerdt Trur­nicht an Meis­ter Rottger von Dorse­len und dessen Ehe­frau Annen für sechs Jahre – begin­nend mit Ostern 1616 – über­ließen. Im Gegen­zug stellte Meis­ter Rottger ein Dar­lehen über 100 Taler zur Ver­fü­gung. Gle­ichzeit­ig wurde aus­drück­lich das Recht der Wieder­löse vere­in­bart, sodass es sich ein­deutig nicht um einen Kaufver­trag, son­dern um ein besichertes Dar­lehens­geschäft han­delte. Haus, Hof und Schmiede dien­ten dabei als Sicher­heit für das gewährte Kap­i­tal.

Von beson­der­er Bedeu­tung ist die Orts­beze­ich­nung „Mol­len­dorp“, die mit dem heuti­gen Müh­len­dorf in Alte­na gle­ichzuset­zen ist. Der Stadt­teil erhielt seinen Namen von der gräflichen Korn­müh­le, die bis zum Jahr 1912 an der Ein­mün­dung des Net­te­bach­es in die Lenne stand. Diese Müh­le gehörte über Jahrhun­derte zu den wichtig­sten wirtschaftlichen Ein­rich­tun­gen der Stadt und prägte den gesamten Ort­steil. Bere­its im 16. und 17. Jahrhun­dert entwick­elte sich das Müh­len­dorf zu einem handw­erk­lich und gewerblich geprägten Bere­ich Alte­nas, in dem sich Mühlen, Schmieden und weit­ere Gewer­be­be­triebe konzen­tri­erten. Die in der Urkunde erwäh­nte Schmiede fügt sich somit unmit­tel­bar in das his­torische Wirtschafts­bild dieses Stadt­teils ein.

Ende des 19. Jahrhun­derts ent­stand am Iser­lohn­er Berg die soge­nan­nte Neustadt, die ver­wal­tungsmäßig dem Müh­len­dorf zugerech­net wurde. Während der Name „Neustadt“ im Laufe des 20. Jahrhun­derts weit­ge­hend ver­schwand, blieb die Beze­ich­nung Müh­len­dorf bis heute als his­torisch­er Name des Stadt­teils erhal­ten. Dadurch lässt sich der in der Urkunde genan­nte Ort auch heute noch ein­deutig lokalisieren.

Die Höhe des gewährten Dar­lehens von 100 Talern verdeut­licht den wirtschaftlichen Hin­ter­grund von Meis­ter Rottger von Dorse­len. Ein der­ar­tiger Betrag entsprach zu Beginn des 17. Jahrhun­derts einem erhe­blichen Ver­mö­genswert. Die Urkunde zeigt daher einen Mann, der über aus­re­ichen­des Kap­i­tal ver­fügte, um größere Geld­sum­men auszulei­hen und dabei rechtlich abgesicherte Kred­it­geschäfte abzuschließen. Dies spricht für eine ange­se­hene Stel­lung inner­halb der Alte­naer Bürg­er­schaft und weist darauf hin, dass die Fam­i­lie Dorse­len bere­its damals zu den wirtschaftlich leis­tungs­fähi­gen Fam­i­lien gehörte.

Bemerkenswert ist darüber hin­aus die Verbindung von Hof, Schmiede und Kap­i­talbe­sitz. Diese Kom­bi­na­tion zeigt, dass die Fam­i­lie nicht auss­chließlich handw­erk­lich tätig war, son­dern zugle­ich über Ver­mö­gen ver­fügte und am regionalen Wirtschaft­sleben aktiv teil­nahm. Ger­ade in ein­er Stadt wie Alte­na, deren Entwick­lung eng mit Eisen­ver­ar­beitung, Draht­gewerbe und Handw­erk ver­bun­den war, kommt dieser Quelle eine beson­dere wirtschafts­geschichtliche Bedeu­tung zu.

Für die Fam­i­lien­forschung besitzt die Urkunde einen außeror­dentlich hohen Quel­len­wert. Sie schlägt eine Brücke zwis­chen den mit­te­lal­ter­lichen Namen­strägern Florin de Dorslon und Lam­ber­tus van Dors­se­len sowie den späteren Fam­i­lien­zweigen Dörseln und Dörscheln. Damit doku­men­tiert sie ein­drucksvoll die Kon­ti­nu­ität des Fam­i­li­en­na­mens über mehrere Jahrhun­derte hin­weg. Gle­ichzeit­ig liefert sie einen sel­te­nen urkundlichen Nach­weis über die soziale Stel­lung eines Fam­i­lien­mit­gliedes, dessen wirtschaftliche Leis­tungs­fähigkeit und seine Ein­bindung in das Rechts- und Wirtschaft­sleben der Graf­schaft Mark.

Zusam­men­fassend stellt die Urkunde von 1616 einen Meilen­stein in der Geschichte der Fam­i­lie Dorse­len – Dörseln – Dörscheln dar. Sie verbindet die älteren urkundlichen Nach­weise des 14. und 15. Jahrhun­derts mit einem konkreten Fam­i­lien­vertreter der frühen Neuzeit und ver­ankert dessen Wirken im his­torischen Müh­len­dorf von Alte­na. Dadurch gewin­nt die Quelle nicht nur geneal­o­gis­che, son­dern eben­so stadt‑, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Bedeu­tung. Sie gehört zweifel­los zu den wichtig­sten urkundlichen Zeug­nis­sen für die frühe Geschichte der Fam­i­lie Dörscheln und stellt einen wesentlichen Baustein für die Rekon­struk­tion ihrer Entwick­lung in West­falen dar.

Abbil­dun­gen

1616

Her­man Schmidt und die Vor­mün­der sein­er unmündi­gen Kinder über­lassen ihr Haus samt Hof und Schmiede im Mol­len­dorp zwis­chen Tho­nis Frone und Gerdt Trur­nicht dem M. Rottger von Dorse­len und sein­er Frau Annen für 6 Jahre, begin­nend Ostern 1616 (März 31), zur Nutzung gegen ein Dar­lehen von 100 Tlr .; die Wieder­löse bleibt vor­be­hal­ten.

Märk­er 1961 — H. 8, S. 25

Gle­ichzeit­ige Notiz, Pap. In: Akten A 23, S. 1189.

Karte Müh­len­dorf ehe­mals Mol­len­dorp bei Alte­na

Lit­er­atur

  • Univ. Ob. Prä­para­tor i. R.

    Autoren­seite

    Impres­sum

    Arbeits­ge­mein­schaft für Fam­i­lien­forschung, Orts- und Lan­deskunde

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    Redak­tion: Regi­na Dörscheln

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